Auswirkung der Stereotypen - Partikularisierung von Erfahrung

Realität, soziale Wirklichkeit wird durch die öffentliche Fotografie der Gegenwart (Medienfotografie) aus ihrem Bedeutungs- und Sinneszusammenhang gerissen. Indem ein Einzelfoto einer Situation als Sache an und für sich verwandt wird, wird für den Rezipienten das ‚in Beziehung setzen’ , sich erinnern, erschwert oder gar unmöglich gemacht. Wirklichkeit wird aufgelöst in einzelne, schmackhaft zubereitete Aspekte, d.h. die Medienfotografie trägt hauptsächlich Flucht- und Illustrationscharakter und schottet sich gegen den sozialen Alltag ab.

Wenn aber die Fotografie durch die Massenmedien zum allgemeinen Wahrnehmungsprinzip wird, d.h. Realität zum großen Teil durch sie vermittelt wird oder um es mit Benjamin zu sagen

„Die Realität auf die Massen ausgerichtet wird“

, dann offenbart sie ihre regressive Qualität, indem sie die menschlichen Erfahrungen reduziert und zersplittert. Die Verfügungsmacht über die Vermittlung der einzelnen Aspekte liegt bei der kapitalistischen Bewußtseinsindustrie (zentralisierte Medien). Die einzelnen Subjekte der Gesellschaft stehen dem mit ihrer vereinseitigten Erfahrung, als Produkt der Arbeitsteilung, gegenüber.

Die aufgrund ihrer Lage möglicherweise vorhandenen Bedürfnisse nach Verbesserung ihrer Situation, d.h. Problematisierung bestehender Verhältnisse, kommen aufgrund des Warencharakters gar nicht erst zum Tragen. Sie sind gezwungen auf die ihnen offerierten Befriedigungsangebote einzugehen – Ausrichtung der Massen auf die Realität. Die Verfügungsmacht über den Umgang mit Bildern und damit das Lenken von Sehen und Schauen, mithin auf das Bewußtsein über Fotografie, bedeutet also Herrschaft.

Altbekanntes wird von Seiten der Bewußtseinsindurstrie (Fotoindustrie und Massenmedien) als wenig Neues ausgegeben, ständige Reize durch Kreativitätsversprechen und ästhetische Bildproduktion sorgen dafür. Die Angebote von Medien und Industriekommen dem Bedürfnis der Subjekte nach Neuem und der Vereinfachung gesellschaftlicher Strukturen entgegen. Das regressive Bild von Fotografie, das durch die Bewusstseinsindustrie vermittelt wird, ist vor allem ein Produkt gesellschaftlicher Prozesse, Einstellungsmuster und Normen.

„Die Quelle der Massenkultur sind nicht die Massen, sondern die Medienfabriken. Mit der Sensibilität der Marktforschung spüren die nach kulturellen Bedürfnissen, deren Grundlagen sie selbst gelegt haben. Das Ziel ihrer Kulturpolitik ist die Erzeugung von Wünschen, die mit neuen Produkten erfüllt werden können. Obwohl den Medienfabriken im Grunde egal ist, welche Schallplatten gehört, welche Bücher gelesen oder was für Fotos gemacht werden – sie können sich auf alles einstellen – ist die Auswirkung ihrer Politik immer affirmativ. Denn zum einen verspricht die Schaffung von Konsumbedürfnissen mehr Profit als die Schaffung von Problembewußtsein und andererseits wird die Industrie nicht ernsthaft beitragen, die Gesellschaft in Frage zu stellen, deren wesentliche Grundlage sie selbst ist. Der gemeinsame Nenner von Sony, Hasselblad, Stern und ZDF ist das Prinzip der Befriedigung“ (Volksfoto 1981).

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