Die rituellen Gebrauchsweisen der Gelegenheitsknipser: Familienfotografie
Mit jeder Erhöhung des Einkommens wachsen die Möglichkeiten Fotografische Praxis hängt sehr deutlich davon ab, ob Kinder in der Familie vorhanden sind oder nicht: „Der Anteil der Besitzer einer oder mehrerer Kameras liegt in den kinderlosen Haushalten bei 38,5 %, während dieser Anteil bei Ehepaaren mit einem Kind 62, % beträgt“ (Bourdieu u.a. 1981). Meist ist es vor allem die Geburt des ersten Kindes, die das Bedürfnis nach Fotografieren verstärkt. Mit zunehmendem Alter der Kinder läßt die Fotografierwut der Eltern (hier: vor allem des Vaters) nach.
In erster Linie bei Arbeitern und Angestellten steht die Familienfotografie (in Farbe) als ritueller Anlaß im Vordergrund. Verbunden mit den ‚Höhepunkten’ familiären Daseins, wie Taufe, Hochzeit, Konfirmation, 1. Schultag und Urlaub, ist sie vor allem Ausdruck der Zusammengehörigkeit der Familie.
Mithin kann man ihre Funktion als integrative bezeichnen.
„Fotografieren wird zu einem Ritus des Familienlebens in eben dem Augenblick, da sich in den industrialisierten Ländern Europas und Amerikas ein radikaler Wandel der Institution Familie anbahnt“ (Sonntag, Susan 1978, S. 14).
Mit der Auflösung und Atomisierung der Kernfamilie entsteht hier offenbar das Bedürfnis, mittels der Fotografie die verstreut lebenden Familienangehörigen zumindest symbolisch in Fotoalben oder Schubläden als Einheit auferstehen zu lassen.
Die Familienfotografie ist im wesentliche Portraitfotografie; damit steht sie im Kontext der historischen rituellen Gebrauchsweisen von Fotografie. Der Anfang des Siegeszuges der Fotografie im 19. Jahrhundert war das Portrait, und das ist zumindest für die unteren Schichten immer noch die Hauptaufgabe der Fotografie in unserer Gesellschaft.
Hierbei ist auch die Art und Weise der Repräsentation von Familienfotos ein Ausdruck gesellschaftlicher Verhältnisse, der Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe: Die gesellschaftlich verankerte Trennung zwischen privat und öffentlich wird auch im Umgehen mit Familienfotos deutlich.
Auf der einen Seite dingen wir die Fotos der engeren Familie, Kinderfotos, zumeist in Schubladen und Alben, die häufig auch nur der engeren Familie zugänglich sind (Beispiel: Weihnachten, wenn die Reste der Familie versammelt sind, wird dann geguckt, was Fritz doch für ein schöner und anständig angezogener Junge war‚ mit seinen drei Jahren), auf der anderen Seite die Fotos mit Repräsentationscharakter, wie Hochzeitsbilder, die gerahmt in der ‚guten Stube’ neben dem Hirsch in Öl über dem (Ikea-) Sofa hängen.


















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