Urlaubsfotografie der Amateure

Der zweite gängige Ritus amateurhafter Bildproduktion ist die Urlaubs – oder Touristenfotografie. Der rein ‚saisonale’ Gebrauch der Fotografie, vor allem im Urlaub, geht quer durch alle Schichten der Gesellschaft. Fotografische Praxis und Ferien korrelieren also sehr miteinander, ebenso wie die Verbindung von Familie und Urlaub: Tante Trude vor dem Eifelturm, Klein-Lieschen vor dem schiefen Turm – und bei den besserverdienenden Angestellten posiert halt die Freundin/Frau am Strand vor Hawaii vor der ‚glühend-rot’ untergehenden Sonne. Ferien bilden oft den Höhepunkt des Familienlebens, insofern tritt hier die Fotografie den Beweis an, daß man auch tatsächlich dagewesen ist.

Ebenso deutlich wird gerade zur Urlaubszeit von Seiten der Werbung die Verbindung zwischen gelungenem Urlaub und der dazu notwendigen Produktion von Bildern. Dabei kommt sie durchaus den Bedürfnissen der fotografierenden Massen entgegen. Begreift man den Urlaub als Kosumakt, für den man unter Umständen sehr viel bezahlen muß, ist es nur natürlich, daß der einzelne sich durch den Akt des Fotografierens die fremde Welt aneignet und so wenigstens ein greifbares Souvenir mit nach Hause bringen will.

„Reisen wird zu einer Strategie, die darauf abzielt, möglichst viele Fotos zu machen. Allein schon das Hantieren mit der Kamera ist beruhigend und mildert das Gefühl der Desorientierung, das durch Reisen oft verschärft wird. Die meisten Touristen fühlen sich genötigt, die Kamera zwischen sich und alles Ungewöhnliche zu schieben, das ihnen begegnet. Nicht wissend, wie sie sonst reagieren sollten, machen sie eine Aufnahme. So wird Erfahrung in eine feste Form gebracht: stehen bleiben, knipsen, weitergehen“ (Sontag, Susan 1978).

Damit setzt sich auch hier die im Arbeitsalltag erfolgte Partikularisierung der eigenen Erfahrungen fort und erschöpft sich in der Sammlung von ‚interessanten, fotografierenswerten Ereignissen’. Die Bedeutung der Urlaubsfotografie erschöpft sich allerdings nicht in der rituellen Kombination von interessanten Sehenswürdigkeiten und ‚liebgewordenen’ Objekten (die Tochter, die Frau), sondern sie hat auch noch ein gesellschaftliches Nachspiel:
Nach der Urlaubssaison werden die Labors der Fotoindustrie geradezu überschwemmt mit farbigen Negativen und Dias stereotyper Urlaubssituationen. Die daraus resultierende Bilderflut ist oft das einzige, was den Urlaub überdauert und im grauen Arbeitsalltag Erinnerungen an vergangenes wachhält, aber auch den Flucht- und Illusionscharakter, gleichsam als Ventil beinhaltet.
Das bezieht sich sowohl auf die inhaltlich-ästhetische Produktion der Bilder als auch auf die spätere Funktion für den einzelnen Menschen. Damit ist angedeutet, daß gerade Urlaubsbilder, damit sie für das betroffene Subjekt ihre Funktion erfüllen, auf Öffentlichkeit angewiesen sind. Zumeist auf die begrenzte Öffentlichkeit der sozialen Bezugsgruppen, Vereine oder einer größeren Familienversammlung. Nach dem Urlaub beginnen die unendliche spannenden Diaabende…

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