Erinnerung und Fotografie

Die Kamera und ihr Produkt, das fotografische Abbild retten bestimmte Erscheinungsbilder vor der unvermeidlichen Überlagerung durch andere Erscheinungsbilder, indem sie sie konserviert. Dabei kann das fotografische Abbild nicht grundsätzlich Erinnerung speichern, sondern höchstens Anlaß von den im Subjekt ablaufenden Erinnerungsprozessen sein, z.B. das Albumbild der längst verstorbenen Tante erinnert vielleicht an die Zeit damals, der Diaabend vom letzten Urlaub erinnert an die ‚schöne Zeit’ auf Teneriffa und weckt dadurch Sehnsüchte und Illusionen.

Wobei diese Funktion von Fotos nur sehr eingeschränkt ist. Erinnerung bezieht sich dabei immer auf den engsten Familienkreis, die engere soziale Gruppe, da die Fotos keinen abstrahierenden, reflektierenden Charakter besitzen, sondern sich inhaltlich und formal den gängigen Stereotypen unterwerfen. Vom sozialwissenschaftlichen Standpunkt aus mögen zwar die Fotoalben anderer Menschen äußerst interessant sein, geht man jedoch unreflektiert, unbefangen an die Bilder heran, kann man außer einem ständigen Wechsel der Gesichter nichts bemerken und fühlt sich eher gelangweilt.

Der Erinnerungsprozeß als Bewußtseinstätigkeit wird nicht mehr nötig oder verdrängt, sobald an seine Stelle die Bilderflut als Ersatz der Erinnerung rückt und eher bestätigend als problematisierend wirkt. So könnte auch die Funktion des Fotos in den Massenmedien, als ständig wechselndes, jeweiliger politischer Herrschaft ausgesetztes kollektives Erinnerungsvermögen beschrieben werden.
Sieht man allerdings Erinnerungstätigkeit als einen komplexen Vorgang an, der die Möglichkeit des ‚In-Beziehung-Setzens’ und Reflektierens vergangener Erfahrungen beinhaltet, so muß man sagen, daß das Foto hier eher verdrängend wirkt. Denn das, was uns auf dem Foto entgegentritt, sind eher partielle Erinnerungsfetzen, in denen zumeist nur das Schöne, Heile der Familie, des Urlaubs erscheint, und so Erinnerungen eben auf die herausragenden Ereignisse und nicht auf den konkreten, realen Alltag fixiert ist. – Die Kamera erinnert um zu vergessen.

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