Ambitionierte Amateure und Gelegenheitsknipser
In der Tendenz werden auch Unterschiede in den Gebrauchsweisen der Fotografie deutlich. Überwiegend – auch nach übereinstimmenden Aussagen anderer Autoren – wird die Fotografie meist ‚selten’ oder ‚saisonal’ gebraucht, ist also abhängig von bestehenden Anlässen. Diese Gruppe der Amateure, deren Größe sich um die 80 % Marke bewegt, kann man als Gelegenheitsknipser bezeichnen.Der ambitionierte Amateur, der gemessen an der Masse der Fotografen einen verschwindend geringen Prozentsatz ausmacht, ist derjenige, der sich zumeist um eine versierte Praxis bemüht, d.h. hohen technischen und ästhetischen Aufwand treibt und sich dadurch von der Masse der Hobbyknipser abheben will.
Der ambitionierte Amateur rekrutiert sich vorwiegend aus der Schicht der kleineren und mittleren Angestellten. Diese sind aufgrund ihrer Lage im Kapitalismus (soziale Deprivation) einem ständigen psychischen Druck ausgesetzt – einerseits Aufstiegssehnsüchte, andererseits Leistungsdruck, so daß sie vor allem in ihrer Freizeit mittels kreativer Betätigung nach Kompensation und Befriedigung suchen. Sie sind diejenigen, die sog. professionelle Standards am offensichtlichsten, gemessen an ihrer ästhetischen Produktion, internalisiert haben. Der Profi hat für diese Gruppe Leitbildfunktion. Ihr Forum sind zumeist die zahlreichen Amateurwettbewerbe, Fotocommunities und Fotozeitschriften, ‚wo man schon mal seinen Namen unter dem eigenen Foto veröffentlicht sehen kann’.
„Betrachtet man die Fotos von Amateurwettbewerben, so unterscheiden sich diese von jenen der Profis kaum mehr in der Bildqualität, sondern allenfalls im nicht erreichten Zugang zu den kostbaren Objekten… Schon von jenem Moment an, wenn der Anatuer in einer Tageszeitung oder in einem Freizeitmagazin nach einem Modell inseriert, später mir ihm Make-up und Posen bespricht und dann in Ermangelung einer Windmaschine stürmische Wetter abwartet, opfert er die Wahrnehmung seiner Wünsche nach Kontakt, Begegnung, Berührung, Liebe der harten Veredelung von Leitbildern“ (Kunde, Wolfgang/Wawrzyn Lienhard 1979).
Der ambitionierte Amateur, der sich an dem Profi als Leitbild orientiert und sich eine ‚ordentliche Kamera’ mit verschiedenen Objektiven und möglichst eigenem Drucker kauft, will eben nicht nur dann und wann ein Erinnerungsfoto knipsen. Hinter dem Erwerb der Fotoausrüstung steckt die Spekulation, den Zutritt zum ‚Club der Kreativität’ mitzukaufen, wobei dann gerade in dieser Gruppe das technisch-handwerkliche überbetont wird – der perfekte Fotoapparat wird zum Fetisch.
Wenn im folgenden von den Amateuren die Rede ist. So sind damit die zahlreichen Gelegenheitsknipser und ihre Gebrauchsweisen von Fotografie gemeint. Der Gebrauch den sie von der Fotografie machen, ist von bestimmten Anlässen wie Urlaub, Kinder etc. abhängig. Ihre Methode zu fotografieren ist in den seltensten Fällen bewußt an z.B. professionellen Maßstäben orientiert, d.h. an künstlerischen, ästhetischen Leitbildern, sondern eher Ergebnis indirekter Normenvermittlung durch die Massenmedien, die auf Lebensausgestaltung, Lebensqualität und deren positiver Darstellung (‚Frohen Herzens genießen’) abzielen und Konflikte und Problemsituationen weitgehend ausschließt.


















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