Charakteristika des fotografischen Zeichens

Will man erklären wie Fotos wirken und was fotografische Abbilder im Bewußtsein des Betrachters bewirken, ist es mit der Analyse rein fotografischer Prinzipien der Wiedergabe der Wirklichkeit nicht getan. Das fotografische Abbild muß objektiver wissenschaftlicher Betrachtung zugänglich gemacht werden. Eine Möglichkeit ist der Versuch von Hans Brög (1979), der Fotografie und Sprache im Hinblick auf ihre Gemeinsamkeiten und Unterschiede und damit die Auswirkungen auf das Bewußtsein der Rezipienten untersucht.

Wenn wir Fotografie und Sprache als Medien betrachten, die Nachrichten transportieren, können wir sagen, daß Fotografie ebenso eine Sprache ist, indem sie genauso Inhalte und Meinungen transportiert, wie die

„wörtliche Sprache. Adäquat zu einem bestimmten Lautsystem in der Sprache existiert auch in der Fotografie ein bestimmtes Zeichensystem“ (Brög, Hans 1979).

Dieses Zeichensystem besteht jedoch aus visuellen Formen, die annähernd gleiche Aussageintensität besitzen wie Wörter. Visuell wahrnehmbare Medien sind auch insofern vergleichbar mit wörtlicher Rede, da sie ebenso Nachrichten zu transportieren in der Lage sind. Dabei sind folgende Unterschiede zu berücksichtigen: Visuelle Formen, fotografische Abbilder sind nicht diskursiv wie die Sprache, sondern präsentativ.

„Sie bieten ihre Bestandteile nicht nacheinander, sondern gleichzeitig dar, weshalb die Beziehungen, die eine visuelle Struktur bestimmen, in einem Akt des Sehens erfaßt werden“ (Brög, Hans 1979).

Da es sich bei visuellen Medien um nicht diskursive Sprachen handelt, lassen sich Inhalte nicht eindeutig abbilden, die zahlreichen Teilaspekte auf dem Foto gehen untereinander wiederum ‚Beziehungen’ ein, die sich dem Betrachter auf einmal in einem Akt des Sehens darbieten, und so weder Vergangenheit noch Zukunft darstellen können.

„Andererseits aber sind Bildsprachen in der Lage, Inhalte, wenn auch unscharf, zu erfassen, die der diskursiven Sprache im Prinzip unzugänglich sind, bestenfalls in Annäherung metaphorisch vermittelt werden können“ (Brög, Hans 1979, S).

Die Fotografie ist ein hochkomplexes Zeichensystem (mit größerer Informationsdichte als die Sprache), da die

„Komplexität nicht wie die des Diskurses nach Maßgabe dessen begrenzt ist, was der Geist von Beginn eines Auffassungsaktes bis zu seinem Ende behalten kann. Natürlich setzt eine solche Beschränkung beim Diskurs auch der Komplexität ansprechbarer Ideen Grenzen“ (Brög, Hans 1979).

Ein Foto läßt gegenüber der Sprache vielfache Beziehungen, Teilaspekte, Beziehungen in Beziehungen auf einen Blick zu. Dies wäre mittels diskursiver Sprache nicht möglich, da hier ein Gedanke logisch und nacheinander auf dem anderen auf; die Komplexität des fotografischen Zeichensystems ist für eine wörtliche Rede zu subtil

Der Eindruck den eine Fotografie beim Betrachter erweckt, ist evtl. tiefer und nachhaltiger als dies bei der Sprache der Fall sein wird, da sie an das Subjekt mit dem berechtigten Anspruch herantritt, wenn schon nicht die Wahrheit, so doch eine Wahrheit eingefangen zu haben.

Daraus folgert der Rezipient, daß er das auf einer Fotografie sichtbare verallgemeinern könne. Dabei hält das Foto nur den im Moment sichtbaren Ablauf einer Situation fest. Ein Foto ist also nie mit der Realität im allgemeinen, sondern nur mit einem Bruchteil der Realität vergleichbar.

„Man weiß zwar stets, daß es sich um Ablichtungen ganz spezieller Situationen handelt, man weiß aber z.B. als Rezipient von Fotos in Massenmedien, nur in den seltensten Fällen, wann und wo die Realität, die Objekt des Fotos ist, stattfand. Nicht selten sagt man daher zu Recht, daß dies und jenes, was auf einem Foto zu sehen ist, zu jeder Zeit und überall hätte stattfinden können“ (Brög, Hans 1979).

Um diese Partikularisierung von Realität aufzufangen, bedarf das Foto der Verallgemeinerung. In eineigen Fällen gelingt dies natürlich auch und zwar umso eher, je begrenzter die Umgebung das fotografierte Objekt ist.

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