Fotografie als revolutionäres Produktionsmittel

Sinnliche Erkenntnis als Teil von Alltagserkenntnis bleibt nach wie vor der Oberfläche verhaftet, kann aber durch den Vergleich mit der theoretischen Erkenntnis überprüft und hinterfragt werden. Das Verhältnis von Reflexion und sinnlicher Erkenntnis ist nicht als ein einseitiges zu verstehen (indem vor allem bei der Produktion von Fotos theoretisch erworbene Kenntnisse ‚automatisch’ eine veränderte Praxis zur Folge haben), sondern muß als Wechselwirkung zwischen der Alltagserkenntnis und der theoretischen Erkenntnis gesehen werden.

Der Erwerb theoretischer Erkenntnis allein ist keine Garantie für eine reflexive Verwendung von Fotografie und eine differenzierte Sichtweise von Realität durch das Foto. Zur Reflexion, die im Endeffekt in einen veränderten Umgang mit dem Medium Fotografie führt, kann es nur dann kommen, wenn das Subjekt anhand der eigenen Praxis Widersprüche erfährt, die eine Problemlösung im Denken erfordern.

In der Fotografie als Erkenntnismittel sind diese Widersprüche eigentlich immer präsent: So glauben die meisten Menschen, daß Fotografie ‚Wirklichkeit’ ist und gehen mit den entsprechenden Erwartungen an ihre eigene fotografische Praxis heran. Spätestens dann, wenn die ersten Bilder entwickelt werden, wird z.B. bei der Farbfotografie – die von den meisten Amateuren genutzt wird – offensichtlich, daß Wirklichkeit und Fotorealität relativ weit auseinanderliegen: ein Farbfoto gibt nie realistische Farben wieder, sondern hat immer einen spezifischen, vom Material (Chip) abhängigen Farbstich.

Rein theoretisch könnte dieser Widerspruch zum Anlaß der Reflexion, des Nachfragens von Seiten des Subjektes werden. Doch die Problematisierung geht über die Enttäuschung über das eigene Unvermögen oder das technische Versagen der Kamera nicht hinaus. Der Widerspruch wird nicht als ein der Fotografie innewohnender begriffen. Die ‚Problemlösung’ die vom Amateur bevorzugt wird, ist wahrscheinlich die, den Angeboten der Bewusstseinsindustrie nachzugeben und sich anderen Filme und ‚professionellere Geräte’ zuzulegen. Das verweist darauf, daß ein fortschrittliches Bewußtsein über Fotografie, das eine reflexive Praxis und differenzierte Sichtweise der Realität zur Folge hätte, nicht isoliert gesehen werden kann, sondern im Zusammenhang mit einem Alltagsbewusstsein steht, das aufgrund der Partikularisierung der Subjekte in dieser Gesellschaft prinzipiell die subjektive Existenz kaum in Frage stellt, sondern eher auf passives, rezeptives Nachvollziehen angelegt ist.

Der Mangel an Problembewusstsein, an kritischer Reflexion der Stereotypen der Fotografie ist ein gesellschaftliches Problem, somit ein Charakteristikum der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft. Das heißt natürlich nicht, daß wir auf eine neue Gesellschaft und/oder die Revolution warten müssen, ehe sich die Gebrauchsweisen der Fotografie verändern können. Ansätze dazu müssen ‚hier und jetzt’ geschaffen werden. Wenn es gelingt, die gängige Verwendung von Fotografie zu problematisieren, wird dies auch Auswirkungen auf das Alltagsbewusstsein insgesamt haben, insoweit, daß eine kritisch-reflexive Verwendung Ausdruck eines insgesamt veränderten Alltagsbewußtsein der Subjekte dieser Gesellschaft ist und auf die Aneignungsprozesse insgesamt zurückwirkt. Fortschrittliches Bewußtsein über Fotografie hängt also immer mit einem insgesamt fortschrittlichen Bewußtsein über Zusammenhänge dieser Gesellschaft zusammen. Dementsprechend muß der Ansatz zur Veränderung als gesellschaftlicher begriffen werden und gesellschaftlich ansetzen, da subjektives Bewußtsein immer der eigenen Existenz verhaftet ist.

Nur indem die Subjekte ihre eigene Produktion als Widerspiegelung des gesellschaftlichen Bewusstseins über Fotografie bereifen und ihre Produktion als gesellschaftlich relevant erkannt wird, läßt sich eine grundsätzliche Veränderung des regressiven Bewusstseins über Fotografie erreichen und die Fotografie zu einer wirklichen ‚Volkskunst’, zu einem die Sinne öffnenden revolutionären Produktionsmittel werden.

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