Die reflexive Verwendung von Fotografie

Der Subjektive Gebrauch den die Amateure von der Fotografie machen, ist also nicht nur geprägt von den jeweiligen Kenntnissen über Fotografie, sondern ebenso durch ein Alltagsbewußtsein, das sich über die subjektive Existenz insgesamt herstellt und damit abhängig von Standort und Perspektive (Schicht- und Gruppenzugehörigkeit) und Ausdruck der Partikularisierung der menschlichen Existenz ist. Der Ansatz für eine Veränderung müsste demnach bei der gesellschaftlichen Existenz der Subjekte ansetzen, um der Partikularisierung entgegenzuwirken. Ein Projekt, das sich zum Ziel setzt eine reflexive Verwendung des Mediums Fotografie zu initiieren, könnte in folgenden Schritten ablaufen:

Sichtbarmachung der Struktur von Amateurfotos durch Ausstellung und Sammlung von Materialien der Amateurfotografen. Dies könnte bspw. unter dem Stichwort „Senioren Fotografieren“ zielgerichtet Amateure mit einer bestimmten Themenstellung ansprechen. Entsprechend den Klischees der Amateurfotografie würden sich die Themen ‚Mein schönster Urlaub’, ‚Meine Familie’ geradezu anbieten.

Hierbei ist an einen öffentlichen Aufruf durch Internet, Plakate, Zeitungen etc. gedacht, wobei gleichzeitig ein fester Raum als Anlaufpunkt für die Dauer des Projektes vorhanden sein müßte.
Ziel wäre hierbei, dem ‚Verhaftetsein in der eigenen Existenz’ ein gesellschaftliches Bild von Fotografie entgegenzuhalten. Durch die Sichtbarmachung von Strukturen und Gesetzmäßigkeiten in Form einer Ausstellung ist ein Ansatz für das Subjekt geschaffen, seinen Gebrauch von Fotografie im Zusammenhang der Produktion anderer Amateure zu sehen und gemeinsam Stereotypen zu entschlüsseln.

Problematisierung: Der zweite Schritt wäre die Diskussion über das vorhandene Material. Dabei müßten theoretische Vorgaben von Seiten der Initiatoren in Form von Darstellung der Geschichte der Fotografie, Fotografie als Kunst, Bildjournalismus, Gegenüberstellung von Medien- und Amateurfotografie etc. gemacht werden. In die Diskussion müßte vor allem die an der Ausstellung Beteiligten mit einbezogen werden.

In diesem Schritt soll die Loslösung von der bloßen orientierenden Erkenntnis hin zu einem Begreifen/Erkennen von Zusammenhängen und der Reflexion der eigenen Praxis in Verbindung mit theoretischen Erkenntnissen erfolgen.

Anwendung: Die durch die Problematisierung erworbenen Erkenntnisse müssen durch eigene Praxis überprüft werden. Nur dann, wenn Erkenntnisse sich in einer dauerhaften Praxis niederschlagen, wird eine Veränderung des Alltagsbewußtseins möglich sein. Dabei ist zu berücksichtigen, daß Praxis im Alltag der Subjekte ansetzen muß, mit der spezifischen Lage des Subjektes, seiner Verankerung in einer bestimmten sozialen Gruppe zusammenhängen muß, weil nur so evtl. Widersprüche in der Alltagserkenntnis verankert werden.

Konkret müssen Gruppen von Teilnehmern gebildet werden, die eine gemeinsame Themenstellung, die sich aus der Diskussion entwickelt hat und die mit dem Alltag der Beteiligten zusammenhängt, fotografisch bearbeiten und die Umsetzung des Themas in eine Präsentation der Arbeitsergebnisse planen.

Schaffung von Öffentlichkeit: Die Umsetzung der Arbeitsergebnisse in eine neue Ausstellung (evtl. Plakate und andere mögliche Präsentationsformen) hätte zum Ziel, die aufgrund von Reflexion gewonnenen Erkenntnisse und die daraus resultierenden neuen Sichtweisen von Realität durch das Foto, für die Subjekte selber sichtbar zu machen und im Vergleich zur klischeehaften Praxis einen kritischen Umgang mit dem Medium zu bestärken, aber auch die Ergebnis in die öffentliche Diskussion zu tragen, und so ein Nachdenken über Fotografie zu initiieren.

Auf dieser Basis können wir sagen, daß sich eine reflexive Verwendung von Fotografie darin äußert, daß das Subjekt die in die Fotografie eingehenden Normen hinterfragt und in einzelnen Zusammenhängen und Situationen immer wieder überprüft; Ziel und Mittel in Einklang bringt, indem es sich fragt: was fotografiere ich? mit welchen Mitteln und für wen? was hat es mit mir zu tun?.

Am Ende hätte dies eine differenzierte Rezeption von Fotografie zur Folge, da die in den Massenmedien reproduzierten Fotos kritisch ‚gelesen’ würden, also der Entscheidungsprozeß und die manipulierte Sichtweise der Medienfotografie gedanklich rekonstruiert werden könnten. Ebenso würde sich die Aneignung von Realität durch Fotografie als Erkenntnismittel dahingehend verändern, daß Realität differenzierter wahrgenommen würde und Fotografie ihre sinnliche Kraft durch Artikulation von Betroffenheit, Wünschen, Sehnsüchten und Standpunkten entwickeln könnte.

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