Innenansichten
Innenansichten scheibchenweise
Der Designers Digest in seiner Dezember Ausgabe über Thomas Schmidt und sein medicalpicture Projekt:
Es sind Bilder, die wir alle in uns tragen, ohne es zu ahnen. Bilder, die Laienaugen bisweilen überfordern. Vor allem aber sind es Bilder von geradezu verstörender Schönheit.
Der Herr dieser Bilder ist Thomas Schmidt (49), und sein Schatz heißt medicalpicture. Doch anstatt seine Reichtümer für sich zu behalten, stellt er sie ins Netz. Schon jetzt, vier Jahre nach ihrer Gründung, hält die weltweit zugängliche Datenbank mehr als 100 000 exklusive Bilder aus den Bereichen Gesundheit, Medizin und Pharma vor. Und täglich werden es mehr.
Thomas Schmidt hat sich gefunden in seinen allzumenschlichen Innenansichten, weil sie seine Jahrzehnte alte Vision haben wahr werden lassen: Die Idee nämlich »eines (fast) webbasierten Lebens, unabhängig von Ex-Frauen, Arbeitgebern und Räumen, Personal und sonstigem Ärger«. medicalpicture ist Produkt eines bewegten Fotografenlebens, die Essenz sozusagen, gebannt auf Filme und Speicherchips. Ehe Schmidt sein Auge nach Innen richtete, auf kleinste und unsichtbarste Details, nahm er die Großen dieser Welt in den Sucher, von Alfred Herrhausen bis Edzard Reuter. Und das als gebürtiger Anarchist, Soziologiestudent und Volksfotograf.
»Ich liebe meine Bilder«, sagt Schmidt. »Und meine Server.« In dieser Aussage steckt mehr als jene feine Ironie, mit der er der Unbill des Lebens zu begegnen pflegt. Die verwirrende Ästhetik, wie sie so wohl nur ein Ätz-Plastinat rot gefärbter Äderchen hervorbringen kann, entzieht sich der oberflächlichen Betrachtung. Man mag sich ekeln vor diesem Anblick – oder ihm verfallen. „Am liebsten würde ich eine Ausstellung mit unseren histopathologischen Bildern machen“, sagt Schmidt. „Und die Bilder auf ein mal zwei Meter ziehen.“ Die forschende, medizinische Fotografie erhebt er so zu dem, als was sie eigentlich längst schon etabliert sein sollte: eine eigene Kunstform. Dafür lieben ihn seine Fotografen. Und dafür liebt er sie.
Wie zu Stein gewordene Korallen, die sich seit Jahrmillionen aneinander schmiegen, wirken diese Querschnitte aus Dünn- und Dickdarm; gleichsam ungewöhnlich wie selten ist die Größe der Schnitte. Die Aufnahmen sind Teil der histopathologischen Sammlung von medicalpicture.
»Anatomy ist necessary, but nix easy«, sagte Professor Johannes Lang, der weltbekannte Pathologe, aus dessen Sammlung diese Aufnahme eines sagittalen Hirnschnitts stammt. Das einzigartige Lebenswerks Langs verwaltet medicalpicture.
Der eine mag hier ein Kunstwerk erkennen, das die Wände von Design-Agenturen zieren könnte. Der andere die dreidimensionale Ansicht eines Blutstroms, der Blutzellen mit sich führt, in einer Illustration von Felix Stark.
Nur die Augen von Medizinern vermögen das Gewirr aus Äderchen richtig zu deuten: Es zeigt die Blutversorgung des menschlichen Kleinhirns, halt- und sichtbar gemacht als Korrisionspräparat; ein Motiv aus der Sammlung Lang.
Ein unwirkliches, mystisches Wesen aus einer fernen Galaxie? Oder ganz einfach die Lunge des Menschen – in einer Darstellung von Isabel Christensen? Auch die, so Thomas Schmidt, »beste deutsche Medizinillustratorin«, arbeitet für medicalpicture.






